DAS VERSPRECHEN
- PROLOG -
von Azhadi
PROLOG

"Manchmal ist die Tragödie der Start in eine strahlende Zukunft"
Simon Ferren


Gendarran Felder
1296 NE - 79. Zephyr

 

"Mmmmmh, W... Was?" fragte sie benommen nach, als er sich verabschiedete und vorsichtig die schäbige Holztür mit einem langgezogenen Knarzen schließen wollte.
"Ich sagte: Ich gehe jetzt los, meine Liebe." antwortete der Mann mit gedämpfter und tiefer Stimme, der in der Tür inne hielt. Die Morgensonne flutete die dunkle Holzhütte durch die halbgeöffnete Tür, sodass sie durch ihre verklebten Augen nur eine schwarze, verschwommene Silhouette eines gestandenen Mannes, eingehüllt in eine blendende Aura aus Licht, erkannte.
"Wo..., mmmh, W... Wohin?" wollte sie wissen, als sie sich den Schlaf aus den Augen rieb und herzhaft gähnte.
"Dorthin wo ich jeden Tag hingehe, Lara. Zum Weißflügelfluss. Zusehen, dass wir was zum Essen haben." Er wollte die Tür schließen, als er abermals von einer Frage davon abgehalten wurde. Er wandte sich der Frau zu und betrachtete sie kurz. Sie saß aufrecht in ihrem Bett, die vergilbten Leintücher über ihren nackten Oberkörper gezogen und das wärmende Wolfsfell auf ihrem Schoß. Sie machte Anstalten sich zu strecken, doch als ihr das Leintuch vom Körper glitt, zog sie es schnell wieder an sich und presste es sich wieder an den Körper, als ihr durch die kalte Morgenluft die Gänsehaut über den Körper lief.
Ihr, für eine Landarbeiterin mittleren Alters, hübsches von der Sonne gebräuntes Gesicht schaute ihn durch treue kastanienbraune Augen an, während ihr Mund sich zu einer Mischung aus Enttäuschung und Trotz verzog. "Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht einmal wirklich aufgegangen ... und es ist doch der Markt in der Stadt und ...", versuchte sie ihn für noch ein paar Minuten wärmender Zweisamkeit zu überreden, als er sie mit einem Seufzen unterbrach. "Ich weiß, aber ohne Geld und ohne Ware zum Tauschen wird es ein sehr kurzer Ausflug in die Stadt. Der Markt ist auch morgen noch da. Die ganze Woche lang. Ich fange uns eine ganze Wagenladung voll Fisch und dann können wir nicht nur mit vollem Magen zum Markt, sondern auch mit gefüllten Taschen. Also genieße deinen freien Tage und leg dich wieder etwas Schlafen. Die Erntezeit beginnt früher als dir lieb ist und dann ist es vorüber mit dem Schlafen."
"Du hast ja Recht... Aber wenn du wieder Heim kommst, dann ist es spät am Abend und ich hätte auch gerne zur Abwechslung ein wenig Zeit mit meinem Mann zu einer Stunde, wo ich ihn nicht nur durch den Schein einer Kerze sehen kann. Bei Dwayna, ich weiß ja gar nicht mehr wie du bei Sonnenlicht aussiehst, Simon!", echauffierte sich Lara.
Simon seufzte abermals. "Die Tage werden wieder länger. Und ich werde mich heute beeilen, das verspreche ich dir. Was hältst du davon, ich mache heute das Abendbrot und dann verbringen wir den späten Nachmittag zusammen. Einverstanden?".
Lara verschränkte die Arme und setzte eine trotzige Miene auf. In dieser Haltung sah sie fast wieder wie der kleine rebellische, so gar nicht damenhafte, Wirbelwind aus, in den sich Simon vor so vielen Jahren verliebt hatte. Und bei Komir, er liebte sie immer noch wie am ersten Tag, auch wenn sie es ihm oft nicht leicht machte dies zu tun.
"Also in Ordnung du alter Waldschrat! Aber wehe es wird wieder so spät, dass die Kerzen bis zum Blech heruntergebrannt sind", willigte sie schließlich ein.
"Bestimmt nicht", lächelte er sie an und schritt durch die Tür, wobei er sie langsam hinter sich zu zog.
Kaum war sie geschlossen lehnte er sich gegen die Tür und seufzte laut. Viel zu oft für einen Morgen, ging es ihm durch den Kopf. "Ich habe sie mir ja selbst ausgesucht", murmelte er und hob seine Hand um sich die Augen vom Licht abzuschirmen.
Die Sonne stand bereits viel zu hoch am Himmel als ihm lieb war. Die beste Zeit zum Fischen war der Sonnenaufgang und den hatte er verpasst. Mit einem angestrengten Murren warf er sich den schweren Rucksack mit seiner Fischerausrüstung über die Schulter und hob den Eimer mit Fischködern, größtenteils Würmer die er am Vorabend gesammelt hatte, auf.
Simon atmete tief ein und blickte in den Himmel.
Er war weit und tief blau, die Sonne schien ihm auf sein bärtiges, von der Sonne gegerbtes, dunkle Gesicht. Die kühle Frühlingsluft füllte seine Lungen und die Vögel zwitscherten in den Morgen. In der Ferne konnte er das leise Rauschen des vom Schmelzwasser angeschwollenen Weißflügelflusse hören.
"Tja, etwas spät, aber ein vielversprechender Tag. Mal sehen was er mir so einbringt".

~ ~ ~

Simons Holzhütte lag in der Nähe der Breitsenkenklippen, zwischen dem großen Gendarrsee und dem reißenden Weißflankenfluss, abseits der Straße. Der Weg zu Simons Angelstelle, sein geheimer Platz, war gut eine Stunde Fußmarsch von der Hütte entfernt. Trotz der Distanz zum Fluss konnte man schon hier das Rauschen der Wassermassen hören. Allerdings war dieses Rauschen nicht direkt vom Weißflaneknflusse. Zwischen dem Gendarrsee und dem Fluss gab es ein unterirdisches Höhlensystem. Im Zyklus des Kolosses war die Passage durch den am Ufer gefrorenen See ruhig. Genauso wie zur Zeit des Phönix, wenn sich die Pegel des Flusses und des Sees lange aneinander angepasst hatten und die Wut des Flusses abgebt war. Doch nun war es Zephyr, die Zeit des Erwachens. In den fernen Zittergipfeln tauten die endlosen Schneefelder und unendliche Wassermassen entluden ihre Kraft in die Flüsse, die aus dem uralten Bergmassiv entsprangen. Mit einem feinen Gehör und ein wenig Ortskenntnis konnte man sich am Rauschen orientieren, um so den Weg zur Löwenbrücke zu finden, welche das Ostufer des Weißflankenflusses mit dem Westufer verband. Für viele war es nicht leicht sich anhand des schwachen Pulses der Wassermassen unter ihren Füßen zu orientieren. Doch für Simon war es reine Routine. Jeden Tag legte er die hügelige Strecke zu seinem favorisierten Angelplatz zurück. Hin und retour. Nach etwa einer halben Stunde gemütlichen Marsches erreichte er die Handelsstraße, welche direkt zur Brücke führte. Der teilweise befestigte Weg beschleunigte sein Fortkommen. Nach wenigen Minuten erreichte er schließlich die Löwenbrücke.
"Heeey, heeeey Simon! Heeeeey! Warte doch!", drang eine bekannte Jungenstimme an sein Ohr. Er drehte sich mit einem Lächeln im Gesicht um, da er genau wusste welchen Jungen sie gehörte. Einige Meter hinter ihm tauchte am Rücken des kleinen Hügels, den er gerade Überquert hatte, die Gestalt des kleinen Tom auf, der wild mit einer Hand in Simons Richtung wank. Als der Junge Simon endlich eingeholt hat, blieben beide stehen. Der kleine Tom stützte sich keuchend auf seinen Knien ab und pustete sich die Lunge aus seinen kleinen Lungen heraus. Tom war der Junge von Arthena, eine Bäuerin von den Cornucopianfeldern weiter im Osten. Er war relativ klein für sein Alter und von dünner Statur, aber tüchtig und voller Energie. Als Tom wieder ein wenig zur Ruhe gekommen war, blickte er mit seinem von Sommersprossen überzogenen und von roten Zottelharen eingerahmten Gesicht zu Simon hinauf und lächelte ihn durch seine Zahnlücke fröhlich an. Simon pflückte einen Grashalm vom Straßenrand und steckte ihn sich in den Mund, ehe er den kleinen Tom begrüßte: "Na du kleiner Racker? Was machst du den allein auf der Straße? Das kann ganz schön gefährlich sein, weißt du? Der Zephyr lässt die Tiere besonders hungrig sein".
Der kleine Tom schaute Simon mit einem trotzigen Blick an und präsentierte seinen dünnen Arm, den er jetzt, von einem lauten "Herrrrrrg" angespannt hatte.
"Ich bin doch kein schwaches Mädchen. Sieh her. Hrrrrrrrgh. Ich bin stark wie ein Bär!".
"Ganz bestimmt bist du das Kleiner", musste Simon lachen "aber auch der stärkste Bär ist nicht unbezwingbar. Also, was führt dich allein auf die Straße?".
"Mutter hat gesagt ich soll für diese Münzen Saatgut aus der Siedlung holen", erklärte Tom und holte einige Kupfermünzen aus seinen schmutzigen, brauen Leinenhosen hervor, um Sie Simon zu zeigen. "Außer mir konnte niemand gehen, da Schwester krank im Bett liegt und Vater und Mutter die Felder vorbereiten müssen".
"Wieso habt ihr nicht Lara gefragt, ob sie euch hilft? Schließlich ist sie bei euch beschäftigt", wunderte sich Simon. "Ach, Vater hat ein schlechtes Gewissen, weil er Lara die letzte Saison so hart rangenommen hat bei der Ernte im Herbst".
"Ich verstehe", nickte Simon und klopfte dem kleinen Tom auf die Schulter. "Dann wollen wir am besten zusammen zur Siedlung, oder? Einen starken Bären der mich auf dem Weg zum Fluss beschützt könnte ich gut gebrauchen."
Tom verschränkte seine Hände vor der Brust und schaute gekränkt zu Simon hinauf, welcher Tom leicht um das doppelte überragte, eher er schließlich auf Simons Bemerkung entgegnete: "Ach, wo! Du willst doch nur auf mich aufpassen, damit mir nichts passiert!".
"Ich gebe auf, du hast mich durchschaut", grinste Simon und hob die Arme um sich Tom zu ergeben.
"Tja! Ich bin nicht nur irre stark, sondern auch super schlau!", belehrte ihn Tom und zeigte mit der Hand auf seinen Kopf. Er musste grinsen. Beide begannen darauf zu Lachen und setzten gemeinsam ihren Weg in Richtung der ascalonischen Siedlung fort.

"Da wären wir du schlauer Bär. Ab hier trennen sich unsere Wege. Pass auf dich auf und frag beim Rückweg zum Hof eine der Seraphen, ob sie dich begleiten. Nicht, dass du deiner Mutter noch Kummer bereitest, weil dir etwas zugestoßen ist. Klar?", sagte Simon zu dem kleinen Tom als sie sich am Dorfrand verabschiedeten. "Versprochen! Und dir ganz viel Glück beim Fischen. Das du mir einen sooooo riesigen Fisch fängst, ok?", antwortete Tom mit gebleckten Zähnen wodurch seine Zahnlücke hervorstach und streckte seine Arme so weit von sich wie er nur konnte um Simon zu gestikulieren wie groß er mit "groß" meinte. Simon nickte ihm zu und setzte seinen Weg nach Norden fort. Der kleine Tim winkte ihm hinterher, bis Simon schließlich hinter der nächsten Erhebung verschwand.

Die Sonne stand schon beinahe auf ihrem Zenit als Simon endlich seinen geheimen Angelplatz, nördlich der ascalonischen Siedlung, erreichte. Der Kleine hatte ihn ganz schön viel Zeit gekostet. Nirgendwo sonst konnte man so große Fische zu dieser Jahreszeit fangen wie hier, wo der Weißflankenfluss am Ufer seine reißende, ungebändigte Wut verlor, da diese durch die kleine Landzunge, welche sich etwas in den Fluss hinein erstreckte, ihrer Kraft beraubt wurde. Die anderen Fischer warfen ihre Harken viel weiter südlich in den Fluss und so hatte Simon eindeutig das größere Glück. Niemand würde ihm die großen Brocken wegangeln. Er ließ seinen Rucksack von der Schulter auf den Boden rutschen und stellte seinen Eimer daneben. Mit einem lauten Stöhnen, stemmte er seine Hände in die Hüfte und bog seinen Rücken durch. Es knackte und krachte. "Ich werde langsam alt", murmelte Simon und zog die feuchte Luft in seine Lungen. Vor ihm rauschte sanft der gebändigte Flussausläufer, nur um dann einige Meter weiter südlich sich wieder dem lauten Tosen des reißenden Weißflankenflusses  anzuschließen. Er löste seine Angelrute vom Rucksack, zog die vorbereitete Fischerleine durch die Ösen und befestigte Haken und Köder am vorderen Ende der Schnur. Danach ging er zum Ufer und schwang die Rute, einmal, dann zwei Mal und schließlich ein drittes Mal um sie dann weit hinaus an den Rand des ruhigeren Wasser auszuwerfen, wo sich seiner Erfahrung nach die größten Fische aufhielten. Er ließ sich auf den Hintern zurückfallen und kaute frohen Mutes an seinem Grashalm. Nichts ist so entspannend wie Fischen an einem so schönen Tag, dachte er sich. Er freute sich schon auf Lara und ihren großen Augen, wenn er ihr die ganzen Fische zeigte, die er heute fangen würde. Ein wirklich guter und vielversprechender Tag in diesem Zephyr. Er konnte noch nicht ahnen wie sehr er sich doch irrte.

~ ~ ~

In dem dichten Wald auf der westlichen Seite des Flusses war es friedlich. In naher Ferne konnte man leise das Tosen des angeschwollenen Flusses hören, welches durch das ständige Zwitschern und Plärren der hiesigen Vögel übertönt wurde. Insekten flogen von Blüte zu Blüte der Blumen, welche das wenige Licht ausnutzen das sich stellenweise durch das dichte Blätterdach kämpfte und den Weg zum Boden fand. Eine rote Libelle steuerte laut summend auf einen Stein zu, der sich in einem dieser wenigen Lichtflecken am Boden befand. Sie landete leicht wie eine Feder auf dem Stein und breitete ihre vier großen, von Äderchen durchzogenen roten Citinflügel aus, um so viel Wärme wie nur möglich zu absorbieren.
Dann begann der Boden leicht zu vibrieren, gefolgt von einem kurzen Rascheln im umliegenden Unterholz. Nervös begann die kleine rote Libelle mit ihrem länglichen Hinterleib auf und ab zu wippen. Ihre gläsernen Flügel zuckten dabei immer wieder nach oben um kurz darauf wieder langsam in die Horizontale zu gleiten. Das Vibrieren des Bodens verwandelte sich allmählich in ein kleines Beben. Der Wind frischte auf und brachte die Blätter der Bäume und des Unterholzes zum Rauschen. Das Rauschen wurde lauter und wieder leiser. Lauter und leiser, immer wieder. Böe für Böe. Eine kleine Pause im Wind trat ein und das Rauschen der aneinander reibenden Blätter hörte in der jähen Windstille auf. Ein lautes Rascheln. Direkt im Unterholz neben dem Stein. Die Libelle blieb ruhig. Doch dann knackten kleine Zweige und die Blätterwand des Unterholz platzte beiseite, als sich ein Schatten, nicht mehr als ein lichtloser Blitz, aus dem Dunkel auf die Libelle zuschoss. Das schuppige Maul des Schattens öffnete sich und zeigte kleine scharfe Zähne und eine fleischig rote Zunge, welche sich nach dem Insekt direkt vor ihm ausstreckte. Nun begann die Libelle mit den Flügeln zu schlagen um sich in die sicheren Lüfte abzusetzen, doch die Echse kam schnell näher. Gleich würde sich die Zunge des Reptils an dem Citinpanzer seines Opfers festsaugen und es in seinen hungrigen Schlund zu ziehen. Nur noch wenige Augenblicke bis der Tod eines Wesens das Überleben eines anderen sichern würde.
Doch die Beute blieb aus. Die Libelle flog schneller davon, als die Echse die Distanz zwischen Busch und Stein überwinden konnte und so blieb sie mit geöffnetem Maul und geweiteten Augen auf der warmen Oberfläche des Steines sitzen um neue Energie im Licht zu sammeln. Sie hatte viel Energie für diesen kurzen Spurt aufgeopfert.
Währenddessen bebte die Erde weiter und das Beben wurde immer stärker. Erst kam es in kurzen Intervallen für die Echse, die nicht kürzer oder länger waren als die der zweibeinigen Wesen, welche sich zu Hauf am Waldrand aufhielten. Doch dann wurde es sehr bald stetig und intensiver. Diesmal explodierte die Blätterwand vor der Echse und ein riesenhafter Schatten breitete sich aus. Sie floh schnell in das anliegende Unterholz um nicht zertrampelt zu werden. Wenige Augenblicke später, war das Wesen laut schnaufend vorbei gelaufen. Die Echse wagte sich wieder in die Nähe des energiespendenden Steins. Doch das Beben hatte nicht aufgehört. Es wurde Lauter und Lauter. Blätter flogen erneut durch die Luft und eine Armee von Hufen trampelte über die kleine Lichtung, dem Zweibeiner hinterher. Die kleine grüne Echse mit den großen roten Augen war diesmal nicht schnell genug gewesen.

Die Frau rannte so schnell sie konnte. Ihre Beine brannten, in ihrem Mund schmeckte sie nur noch dem metallischen Geschmack einer überforderten Lunge die an ihre Grenzen stieß. Ihr heiseres Schnaufen hatte einen blechernen Klang. Doch sie rannte weiter. Sie durfte nicht stehen bleiben. Stehen zu bleiben oder zu stolpern verhieß nur eine Aussicht. Den Tod. Und sie durfte nicht sterben. Nach aus egoistischen Gründen wie, dass sie sich an ihr eigenes Leben klammerte. Nicht wie ihr Ehemann aus Kryta, welcher aus ihrer Sicht egoistisch zurück geblieben war um ihre Verfolger für eine kurze, zu kurze, Weile aufzuhalten. Sie hasste ihn dafür, dass er sie alleine weiter laufen ließ. Sie vermisste ihn. Tränen rannten ihr seit diesem Augenblick der Trennung stetig über das Gesicht. Aber es ging nicht nur um sie oder ihn. Es ging um das Leben ihres Kindes, welches sie in blauen und weißen Stofftüchern eingewickelt in den Armen hielt. Ihr langer, mittlerweile durch die Flucht durchs Unterholzes zerschlissener, seidenblauer Hüftrock wallte ihr hinterher und legen ihre langen gebräunten, von kleinen Blattschnitten gezeichneten, Beine frei. Sie hielt sich in ihrem erbitterten Überlebenslauf gebückt und schlang ihre Arme schützend um das Bündel, dass sie so zu schützen versuchte.
Nur einen kurzen Augenblick der Pause, schoss es ihr immer wieder ins Bewusstsein. Doch jedes Mal zwang sie den Gedanken durch pure Willenskraft hinfort.
Sie riskierte einen kurzen Blick hinter sich. Nichts. Sie sah nichts, doch sie wusste sie waren dicht hinter ihr. Sie konnte das Traben der Hufe hören. Das unmenschliche Geheule ihrer pferdeähnlichen Mäuler. Die Drohrufe in einer Sprache die sie nicht verstand, aber durch den Tonfall ihre Bedeutung nur zu gut mitteilten: "Halte an! Zögere dein Leiden nicht hinaus. Am Ende bekommen wir dich ja doch!". Zentauren. Viele. Und sie holten auf.
Sie stieß weiter so schnell sie konnte durch das Unterholz vor. Blätter und Äste zerschnitten ihr Gesicht, Arme, Bauch und Beine, da diese nicht vom Seidenstoff ihrer Kleidung geschützt wurden. Doch das spürte sie schon lange nicht mehr. Sie hörte nur das laute Hämmern ihres Herzens und das Blut, dass durch ihre Adern fegte. Und das ängstliche Schreien eines kleinen Kindes, dass nicht wusste was passierte. Vor ihr eine Blätterwand. Sie drückte ihren Kopf auf das Bündel mit ihrem Kind darin und drehte ihren Oberkörper zur Seite um mit der Schulter voran hindurch zu stürmen. Schmerzende Helligkeit explodierte vor ihr, als sie den Wald verließ und die Schatten der Baumkronen hinter sich ließ. Endlich freie Bahn, dachte sie sich. Doch als sich ihre Augen an die jähe Helligkeit gewöhnt hatten und sich ihr Blick wieder schärfte, stand sie vor dem nächsten Hindernis.
Der vom Schmelzwasser des Zephyrs zum reißenden Ungetüm angeschwollene Weißflankenfluss breitete sich vor ihr aus. Das laute Tosen des Flusses hatte etwas Höhnisches. In hektischer Panik schaute sie sich um. Irgendwo musste sie doch hin. Doch es war eine Sackgasse. Es ging nicht weiter.

Das Gejaule und das Trampeln von beschlagenen Hufen wurde lauter. Genau wie das Geplärr ihres kleinen Kindes. Mit einer Vorsicht und Sorgfalt wie es nur Mütter konnten zog sie die Seidentücher beiseite und ein Kopf eines viel zu kleinen Menschen kam zum Vorschein. "Schhhhhht, mein kleiner Löwe. Es wird alles gut", versuchte sie ihn zu beruhigen und wog ihn sanft in ihren Armen, wie wenn sie alle Zeit der Welt hätte. Tränen rannen ihr wieder verstärkt über das Gesicht und fielen in dicken Tröpfchen auf das Gesicht ihres Sohnes und auf das blaue Seidentuch, dass diese rasch in dunkle Flecken aufsog. Sie blickte hinter sich auf die grüne Blätterwand aus der sie gekommen war und hinter der ihr Verderben in jeder Sekunde näher kam. Sie zog die Seidentücher wieder über ihr Kind. Doch davor lächelte sie es noch einmal warm an. Ebenso, wie es nur Mütter konnten, wenn sie Ihr Kind ansahen. Wie eine Mutter die alles Opfern würde nur um das kleine Leben zu beschützen. Sie blickte noch einmal auf die Blätterwand und vernahm nun, näher als je zuvor, das Traben der Hufe und das Beben des Bodens. Dann richtete sich ihr Blick auf den reißenden Fluss der sich nur ein paar Meter unter ihr in den Boden gefressen hatte. Eine kleine rote Libelle flog vor ihren Augen vorbei. Teilnahmslos und elegant, wie in Zeitlupe, flog sie dahin. Weiter über den Fluss. Sie lächelte. Und dann... dann sprang sie.

~~~

Ein lautes Platschen ertönte und Simon wurde aus seinem Dösen gerissen. Die im Boden verankerte Angelrute knarzte und bog sich weit durch. Weiter als sie es durfte. Die lange Angelschnur spannte sich fast horizontal in Richtung Fluss. Sein Blick folgte der Schnur und da sah er ihn. Es platschte wieder laut als er aus dem Wasser sprang. Ein riesiger Lachs hatte sich an seinem Haken verbissen. "HA! Was für ein Brocken! Ich wusste, dass das ein guter Tag wird", schrie er zu sich selbst voller Vorfreude auf seinen Fang. Er rang mit aller Kraft. Maß sich mit der Kraft des riesenhaften Lachses, der einen wilden Tanz um sein Leben tanzte. Ein Tanz den er verlieren würde, war sich Simon sicher. Er stemmte beide Beine fest in den Kies des Ufers und zog mit dem ganzen Gewicht seines stämmigen Körpers. Hin und her. Wie ein Walzer, der seinem ganz eigenen Takt folgte. Noch ein letzter starker Zug und er war an Land. Noch ein Zug und... ZACK!. Die Leine riss und Simon landete laut fluchend auf seinem Gesäß. "Verdammt noch eins! Verdammt, Verdammt, Verdammt. So ein Prachtbursche und dann DAS!".
Mehr enttäuscht als wütend zog er die Reste seiner Schnur ein, die sich dann auch noch am Ufer unter ein paar Steinen verfing. Er zerrte noch einige Male daran, ehe er akzeptierte, dass sie sich so nicht lösen würde. Er stampfte langsam zum Fluss und watete knöcheltief in das kalte Nass. Er beugte sich zu dem Steinen herab an denen sich die Schnur verfangen hatte, als eine kleine rote Libelle vor ihm vorbei flog. Er wusste nicht wieso gerade eine Libelle plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch sein Blick folgte ihr weiter, als sie sich von ihm, dem Ufer entlang, entfernte um sich dann auf einem Stein, am Rande der kleinen Landzunge, welche das Wasser hinter sich beruhigte, zu setzen. Simon sah sie eine kurze Weile lang an, als er einige Meter weiter, dort wo der Fluss wieder reißend wurde, etwas sah, dass sich verzweifelt an einem Fels nahe am Ufer festklammerte. "Das kann doch nicht... Halten sie sich fest! Bei Dwayna, halten sie sich fest ich hole sie!", schrie er der, in blauen vom Wasser vollgesogenen Gewändern, gekleideten Frau zu.
Es dauerte keinen Augenblick bis Simon am Ufer in der Nähe der Frau ankam. Simon watete so weit in den Fluss wie es die Strömung zu ließ. Mit einer Hand hielt er sich an einer Wurzel fest, die etwas in das kalte Nass hineinragte. Mit der anderen streckte er sich der erschöpften, der Ohnmacht nahen, Fremden entgegen. "Ich kann sie nicht erreichen! Sie müssen ihren Arm ausstrecken. Kommen sie! Los!", rief er ihr zu. Die Frau sah in mit müden Augen an und schüttelte verneinend den Kopf. "Sie müssen! Ich komme sonst nicht an sie heran!", beschwor er die Frau. Doch just in diesem Augenblick erkannte er wieso, sie es nicht konnte. Sie hielt etwas in ihrem Arm, dass sie mit Mühe versuchte über Wasser zu halten. "Lassen sie das Ding los! Geben sie mir ihre Hand, bitte!"
Doch wieder schüttelte die Frau schwach den Kopf. Dann lächelte sie und reichte ihm mit einem heiseren Stöhnen das Bündel. Es war ein Kind. Bei Dwayna, es war eine kleines Kind, erkannte er. Das Echo von dem was er eben Geäußert hatte, stach ihm in sein Gewissen. Doch das spielte nun keine Rolle. Er packte das Bündel und watete so schnell er konnte wieder ans Ufer um es behutsam, aber schnell, auf die sichere Uferböschung zu legen. Hektisch drehte er sich wieder um, um sich nun um die Fremde zu kümmern. Doch sie war nicht mehr da. Ihre Kräfte mussten sie in dem Augenblick verlassen haben, als sie ihr Kind in Sicherheit wusste. Simon stand einfach nur da und konnte nicht sofort begreifen was gerade passiert war. Vorwürfe schlichen sich in seinen Verstand und schwollen immer mehr an. Er verlor sich im Gedanken mit Fragen wie: "Was wäre wenn". Er stand einfach nur da und starrte auf den Fels im reißenden Fluss, in dem sich das Wasser zu einer permanenten weißen Gischt brach, als er von einem leisen Schluchzen, dass schnell in ein lautes Geplärr umschlug, aus seinen Gedanken gerissen wurde. Eine Träne ran ihm über die braun gegerbte Backe seines Gesichts und verlor sich in seinem dicken schwarzen Bart. Benommen stapfte er zu dem kleinen Jungen in den durchnässten Seidentüchern. Vorsichtig zog er die Tücher von dem kleinen Geschöpf, bevor er ihn zu sich hoch hob. Er wog den Jungen sanft in seinen groben Armen und lächelte ihn traurig an. Sein Blick wanderte an dem Jungen in seinen Armen vorbei auf den Boden zu den Tüchern, auf denen etwas gestickt war. Er setzte sich daneben hin und hob das Tuch mit seiner freien Hand auf. Mit goldenen Fäden war der Name Azhadi liebevoll in geschwungenen Buchstaben aufgestickt. Tränen schossen ihn wieder in die dunklen Augen. "Azhadi heißt du? Weißt du, was mein Vater einmal zu mir meinte? Ich habe es bis heute nie wirklich verstanden. -- Manchmal ist die Tragödie der Start in eine strahlende Zukunft. -- ."

Menschen opfern sich, damit andere eine bessere Zukunft haben. So war es schon seit er denken konnte in Kryta, dachte sich Simon, als er mit seinem Fischerrucksack über der Schulter und seinem neuen Sohn in den Armen dem Sonnenuntergang, Richtung Heim, folgte. Was wird seine Frau sagen, wenn er so spät heim kommt. Was wird sie sagen, wenn er ihr ihren Sohn zeigt. Simon schauderte.


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